Jugendliche des Gymnasiums Borbeck begeben sich auf eine Zeitreise an Schauplätze des Ersten Weltkriegs.

Besuch der belgischen Stadt Ypern vermittelt eindrückliche Bilder von Krieg.

 

Es ist eng im Schützengraben von Ypern. Ratten und Läuse sind tägliche Begleiter. Die Soldaten leiden unter Infektionskrankheiten. Krätze und Grabenfieber greifen um sich. „Es ist klaustrophobisch“, befindet Kim, die in einem solchen – nachgemachten – Schützengraben im Museum ‚Hooge Crater‘ im belgischen Ypern steht und Informationen zu den Alltagsdetails des Krieges verarbeitet. „Auf einmal wird sehr greifbar, wie es damals gewesen sein muss.“

Zusammen mit ihren Mitschülern der Klassen 10 nimmt Kim an einem zweitägigen Workshop zum Ersten Weltkrieg teil. Ypern – ein in Deutschland weitgehend vergessener Schauplatz des Ersten Weltkriegs der Westfront; deutsche Soldaten setzten hier erstmals Giftgas ein, mit verheerenden Folgen. So wurden beim Chlorgasangriff der deutschen Truppen im April 1915 rund 150 Tonnen Chlorgas eingesetzt. Dabei bildete sich eine 6 km breite Gaswolke, die mehr als tausend Mann Verluste auf alliierter Seite sowie ein Vielfaches an Schwerverletzten zeitigte. Doch sind das nicht nur Fakten und Zahlen aus längst vergangenen Zeiten, die Geschichtsunterricht für Jugendliche abstrakt und wenig greifbar machen?

Geschichtslehrerin Susanne Busch-Liefke sieht hier ein Anliegen modernen Unterrichts; innerhalb eines zweitägigen Workshops zum Ersten Weltkrieg erfahren die Jugendlichen, was Krieg eigentlich bedeutet. „Wir wollen Geschichte entdecken, sie begreifen, d.h. sie fühlen, riechen, schmecken, sehen und verstehen können.“ Die Lehrerin hat sich dazu Zeitgeist Tours ins Boot geholt, eine Organisation aus englischen und deutschen Historikern, die Geschichte mit allen Sinnen erfahrbar machen will. Das Unternehmen mit Sitz in England hatte noch nie eine deutsche Schülergruppe betreut und war begeistert von der Aussicht, den mithin verdrängten ersten großen Krieg des vergangenen Jahrhunderts für deutsche Jugendliche erfassbar zu machen. „Wir wollen vom Abstrakten ins Reale gehen“, sagt Christoph Höpfer, einer der Geschäftsführer von Zeitgeist. „Das Wort ‚Krieg‘ wird im Rahmen unserer Programme vermenschlicht.“ So sprechen Höpfer und seine Mitstreiter dann auch nicht über Jahreszahlen, Orte und Daten, sondern vor allem über Menschen. Wie schmeckt eine Essensration aus dem Schützengraben? Wie fühlt es sich an, eine Gasmaske oder eine schwere wollene Uniform aus dem Ersten Weltkrieg zu tragen?

 „Kratzig“, befindet Finn, der die Kleidung anprobiert. Die Schüler lachen, und das ist auch durchaus erlaubt. „Humor hilft dabei, Erlebnisse zu schaffen, an die man sich erinnert“, sagt Workshop-Moderator Richard Townsley, der selbst historisch gekleidet ist und Finn zu der Uniform noch einen Helm und einen Rucksack aufsetzt. Dabei ist es dem Historiker durchaus ernst mit seinem Anliegen. „Den Schülerinnen und Schülern soll bewusst werden, dass dies richtige Menschen waren, nicht nur schwarz-weiß Bilder.“ So erinnert Townsley den 16-jährigen Finn daran, dass dieser vor hundert Jahren selbst Soldat hätte sein können und zeigt den Jugendlichen Fotos von Kindern, die in den Krieg gezogen sind. Manche kamen zurück, andere nicht. Die zehn Millionen Toten des Ersten Weltkriegs sprechen eine eigene Sprache. In Ypern besuchen die Jugendlichen dann auch die Ruheorte der Menschen, die nicht zu ihren Familien zurückkehrten.

Zusammen mit englischen Schülern hinterlegen sie einen Kranz. Stille folgt dem ‚last post‘, dem militärischen Hornsignal, das an die Gefallenen des Commonwealth erinnert - die Jugendlichen sind ergriffen. Auch Lars Schnor ist bewegt. Der Schulleiter des Gymnasiums Borbeck hat die Gruppe begleitet, weil er es wichtig findet, über andere Formen von Unterricht nachzudenken. „Wir wollen Erfahrungen und Erlebnisse schaffen, die bleiben“, sagt Schnor und zitiert den scheidenden EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker: „‘Wer an Europa zweifelt, sollte Soldatenfriedhöfe besuchen‘. Geschichtsbewusstsein zu kreieren, bedeutet auch, Verständnis und Wertschätzung für die Errungenschaften unseres modernen Europas zu schaffen. Dazu gehört das Wissen darum, wie schrecklich Krieg ist.“ Der Schulleiter will die Idee hinter erlebnisorientiertem Geschichtsunterricht dann auch weiterverfolgen und verweist auf lokale Folgeprojekte wie etwa den Besuch der Gräber gefallener GymBo-Schüler oder das Stolpersteinprojekt zum Zweiten Weltkrieg; hier könne das Geschichtsprojekt für Schülerinnen und Schüler weitere persönliche Relevanz entwickeln. 

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