Er war GymBo-Schulleiter von 1987 bis 2006 und hat damit eine Ära geprägt – noch heute ist er als prominente Borbecker Persönlichkeit in der hauseigenen Lothar-Böning-Stiftung aktiv. In diesem Jahr ist Wolfgang Sykorra 75 Jahre geworden. Ein Grund für das GymBo, mal nachzufragen, wie’s dem Macher von damals so geht.

GymBo: Herr Sykorra, Glückwunsch nachträglich zu Ihrem 75.! Wie geht es Ihnen?

Wolfgang Sykorra: Schon sehr gut, danke. Natürlich bin ich manchmal verwundert, wenn ich über mein Alter nachdenke. Da muss ich gelegentlich schonmal schlucken – aber abgesehen von ein paar Problemen mit dem Knie geht es mir gesundheitlich bestens.

Woran erinnern Sie sich am liebsten, wenn Sie an Ihr Berufsleben zurückdenken?

Sicherlich an die zahlreichen Kolleginnen und Kollegen, mit denen man zusammenarbeiten konnte. Es ist nicht so, dass man – zuletzt in der Position als Schulleiter – in seinem Zimmer an seinem Schreibtisch sitzen konnte. Schulleitung kann immer nur kooperativ gelöst werden; deshalb war das Miteinander mit den Kolleginnen und Kollegen ein sehr wichtiges und hohes Gut, an das ich gerne zurückdenke und das auch manches auf den Weg gebracht hat.

Was war damals – ganz grundlegend – anders als heute?

Anders war mit Sicherheit die Konzeption von Schule: Als ich 1987als Schulleiter am GymBo anfing, gab es noch keine oder sehr wenige Ideen zur Öffnung von Schule. Es lag in der Tradition der Schulen – vorzugsweise der Gymnasien – sich abzuschotten. Als Schüler bekam man vorgesetzt, dass man in einer Anstalt lernte und lebte – losgelöst vom Stadtteil, von Verbänden und Vereinen. Als ich später darüber nachdachte, habe ich den Begriff „Anstalt“ als sehr elitär empfunden. Diese Vorstellung wollte ich ein Stück abbauen, denn in der Öffnung von Schule geht es ja essenziell um die Bereitschaft, andere – also zum Beispiel Sportvereine, Polizei, Gesundheitsdienste, Jugendpsychologen – hineinzulassen und die eigene pädagogische Konzeption auch ein Stück weit zu hinterfragen  Das war mir immer ein wichtiges Anliegen.

Welche weiteren Anliegen haben Sie und Ihre Karriere geprägt?

Zunächst mal ging es um die Weiterexistenz des GymBos, denn 1987 sah der Schulentwicklungsplan der Stadt Essen vor, dass das GymBo aufgelöst und in eine Gesamtschule umgewandelt werden sollte – die Anmeldezahlen waren nicht gut genug. Auf einer Sitzung der Schulkonferenz sagte ich, anstelle der Auflösung müsse eine neue Konzeption von Schule treten. Ich hatte damals die Zusammenarbeit mit dem Stadtteil im Kopf und außerdem das Konzept der deutsch-englischen Bilingualität – die führten wir 92/93 als zweites Gymnasium in Essen ein. In diesem Zuge wollten wir auch Austausche auf den Weg bringen; das war aber gar nicht so einfach. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, dass wir unseren Austauschpartner dann in einer Rüttenscheider Kneipe gefunden haben. Aus Atlanta/USA war eine Seminardelegation in Essen – unser Kollege Lindemann, der am Seminar als Fachleiter arbeitete, fragte mich, ob ich zu einem Bier dazu kommen wolle. Es war ein sehr netter Abend und am Ende hatte das GymBo dann einen amerikanischen Austauschpartner. Glücklicherweise erwiesen sich diese Ansinnen als Volltreffer, die sich nach einiger Zeit auch in Durchschnittsanmeldungen von 120 Kindern äußerten – eine sehr akzeptable Zahl.

In den Erzählungen von Ehemaligen tauchen immer wieder zwei Stichworte auf: Wüste und RTL.

(lacht). Ja, die Räumlichkeiten am GymBo waren ein Problem – an der Prinzenstraße hatten wir nur eine Zweizügigkeit. Als sich die Anmeldezahlen in den 90ern nach oben bewegten, wurde das natürlich zum Problem: So schnell kriegen Sie keine neue Schule gebaut. Also musste eine Dépendance her. Zuerst gingen wir mit dem Jahrgang 7 an die Jahnstraße und dann ab 1997 in die Wüste. Das hat dann für erhebliche Irritationen gesorgt, denn für die Wüste brauchte das damals vierzügige GymBo von der Stadt den Beschluss über eine Fünfzügigkeit. Da ich als sachkundiger Bürger im Schulausschuss war, konnte ich die Debatte für mich entscheiden. Das war vehement: Mir wurde das Wort entzogen, ich war ja befangen. Letztendlich wurde für die Dépendance befunden, ohne die wir hätten abweisen müssen. Das wollten wir nicht, denn die Angst vor Abweisung führt sicher oft dazu, dass man sich gar nicht erst anmeldet. Für die Schule war unsere Dépendance deswegen auch sicherlich existenzsichernd.

Und die Sache mit RTL – damit meinen die Kolleginnen und Kollegen sicherlich den Zustand vor der Schulgebäudesanierung. Wir sind immer noch in den 90ern: An der Schule war lange Zeit nichts mehr gemacht worden und irgendwann fiel die Heizung aus – da ist mir der Kragen geplatzt und ich habe die Schule geschlossen. Dann kam RTL auf mich zu - sie wollten einen Bericht über die Schule drehen und ich habe die Drehgenehmigung erteilt. Glücklicherweise konnten Elternschaft und Öffentlichkeit erkennen, dass nicht nur etwas hingenommen oder präsentiert, sondern Veränderung erwirkt werden sollte. Und in der Folge überwies der Schulträger an alle Essener Schulen Geld zur Sanierung. Das war ein schönes Ergebnis, und zwar für alle Schulen.

Und heute?

Wenn ich heute ins GymBo komme, und höre, was in der Kunst gemacht wird, dann freue ich mich. Das GymBo erhält einen komplett neuen Gebäudetrakt für die Kunst und Veranstaltungen; in der alten Turnhalle wird mit einer Mehrzweckhalle auch ein Aulabetrieb ermöglicht. Das heißt, es wird ein kommunikatives Zentrum für Veranstaltungen und Ehrungen im GymBo geben. Und der Sportplatz ist ja bereits komplett erneuert. Es ist schön zu sehen, wie sich das entwickelt hat –   sehr sinnvoll und ein Grund zur Freude.

Sie sind dem GymBo ja über sehr verschiedene Lebensabschnitte verbunden gewesen – in den 60er Jahren als Schüler, von 1987 bis 2006 als Schulleiter. Gibt es Konstanten in Ihrer Persönlichkeit und in der Schule, die Sie haben zurückkehren lassen?

Sicherlich sind die Emotionalität und das Verständnis von Heimat geblieben. Das kann man nicht einfach zu abschütteln, denn ich bin ja in der Straße aufgewachsen, die an unserer Schule vorbeiführt: Leimgardtsfeld. Einen Teil des Lebens an der Schule habe ich also von frühester Kindheit an mitbekommen, bei Schulfesten haben wir uns unter das Volk gemischt. In dieser Zeit ist eine große Emotionalität entstanden – die ist auch geblieben. Das war an meinen anderen Stationen in Überruhr und in Meiderich nicht so ausgeprägt. Hier habe ich aber trotzdem vieles gelernt, das ich dann am GymBo umgesetzt habe: Management, einen Geschäftsverteilungsplan, einen stellvertretenden Schulleiter mit eigenem Arbeitsbereich – das Konzept, dass mit Beförderungsstellen auch ein festgelegter Aufgabenbereich verbunden ist, war in den 80ern ja noch nicht an allen Schulen angekommen. Das war teilweise nicht einfach umzusetzen und ich denke, dass manches für mich nur aufgrund dieser emotionalen Verbundenheit zu meiner Schule möglich war.

Zusammen mit Ihrem alten Schulfreund Lothar Böning haben Sie ja schon im Jahr 2004 die gleichnamige Stiftung ins Leben gerufen. Noch heute sind Sie im Stiftungsvorstand – was ist Ihnen in der Stiftungsarbeit besonders wichtig?

Sicherlich die Möglichkeit, Mädchen und Jungen, die von zu Hause aus nicht so sehr betucht sind, unterstützen zu können. Eltern kamen zu mir mit Tränen in den Augen und sagten, dass sie die Studienfahrten oder Zusatzmaterialien nicht bezahlen können. Mit der Einrichtung der Stiftung durch die Hilfe meines Freundes Lothar Böning entstand dann neben dem Förderverein eine zusätzliche Möglichkeit, die Kinder zu unterstützen. Deswegen machen wir das heute sehr unbürokratisch – 15 Jahre existiert die Stiftung schon und ich kann mich nur an zwei Anträge erinnern, die wir abgelehnt haben. Doch auch da fanden sich andere Möglichkeiten der Finanzierung.

Was ist Ihnen sonst wichtig?

Das, was vital ist, sprich der Umweltschutz. Da stellen Sie eine Frage, die akuter gar nicht sein könnte. Gestern ist eine Entscheidung im Rat der Stadt Mülheim getroffen worden, die den Grünzug des Winkhauser Tals sichert. Und das ist sicher den Bürgerinitiativen zu verdanken: Und in diesen Initiativen für Natur und Umwelt bin ich seit 42 Jahren aktiv - in immer unterschiedlichen Positionen.

Ergibt sich diese Leidenschaft auch ein Stück weit aus Ihrer Biografie als Ruhrgebietskind?

Meine Erfahrungen und Erlebnisse als Kind und Jugendlicher mitten im Ruhrgebiet waren da sicherlich prägend – an der Germaniastraße gab es die Zinkhütte, wir wohnten dort eine Zeitlang. Die emittierten dort, dass man einen richtigen Brechreiz kriegte – damals hat man nicht darüber nachgedacht, doch mit den Jahren ist bei mir der Wunsch entstanden, etwas zu tun. Ich vermute, dass diese Zinkhütte damals bei mir den Grundstein gelegt hat.

Und Sie sicherlich auch zu manchem Buchprojekt inspiriert hat?

Ja, das stimmt wohl – Umweltschutz, lokale Geschichte und Kultur sind meine Steckenpferde. 2007 war ich etwa Mitautor des Bandes „Vom Kohlenpott zur Metropole Ruhr“, zwei Jahre später habe ich dann über Schönebeck als ehemalige Essener Bergbaukolonie geschrieben. Dann kamen Bücher zum Kunstprojekt „Borbecker Halblang“ und 2013 „Von der Penne in die Welt“ mit Borbecker Porträts. Vor einigen Jahren habe ich dann mit dem Buch „Von den Talmulden zum regionalen Grünzug B“ wieder dem Umweltschutz zugewandt.

Was sind die großen Aufgaben von Schule in den nächsten 10 Jahren?

Ich denke, eine Aufgabe wird sein, den Gedanken der Inklusion sachgerecht und angemessen umzusetzen. Das ist in den letzten Jahren nicht immer erfolgt. Da wurde der notwendige Gedanke der Inklusion mit Brachialgewalt von oben auf Schulen gedrückt. Kinder auf jeden Fall mit anderen zu unterrichten, wenn eine individuelle Förderung unter anderen Bedingungen angezeigt ist – daraus kann sich kein vernünftiges pädagogisches Handeln entwickeln. Das ist, ganz generell, ein sehr emotionales Thema; das Bewusstsein für den Gedanken des Miteinanders ist gewachsen, aber man muss sehen, dass es angemessen erfolgt.

Konkret in allernächster Zeit ist es sicherlich eine weitere große Aufgabe, die häuslichen Unterscheide auszugleichen, die sich in der Zeit des Distanzlernens verschärft haben. Das halte ich für eine Herausforderung. Und hier sind wir dann auch wieder bei dem Thema, das wir gerade hatten: Wie kann man den Unterschiedlichkeiten der Schülerinnen und Schüler angemessen begegnen?

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten fürs GymBo, welcher wäre das?

(lacht). Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen weiterhin offen sind für unterschiedliche Projekte, damit das GymBo eine Vielfalt pädagogischer Angebote macht und damit einen Gewinn für den Stadtteil Borbeck darstellt. Das Kollegium des GymBo, das ich kennenlernen durfte, war immer offen für Neues und innovativ – ich hoffe, dass sich diese Tradition fortsetzt, denn letztlich entscheiden die Akteure, die vor Ort handeln, über die Entwicklung und Vision einer Schule.

 

Das Interview führte Sonja Klever.

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